9+10=19
Eine kleine Odyssee in der Sierra de Enguera
Prolog:
Die Idee, eine Langstrecken-Wanderung zu unternehmen, war eigentlich
daraus entstanden, dass ich die Bücher von H.P. Kerkeling „Ich bin dann mal weg“
und das von Colin Fletcher „Wanderer durch die Zeit – Allein im Grand Canyon:
Eine Entdeckungsreise“ gelesen hatte. Beide Geschichten faszinierten mich
derart, dass ich dachte: so was tue ich
auch mal.
Das für mein Vorhaben ausgesuchte Gebiet, ist das Naturreservat „Muela de Cortes“
nordwestlich von Xàtiva.
Zwar hat mir meine Frau Ruth diese Gegend empfohlen, da sie über die Berge im
Hinterland (Macizo del Caroig),
mitten im Land Valencia, viel Interessantes gelesen hatte.
So fing ich intensiv an zu trainieren, nicht auf Geschwindigkeit,
sondern auf Ausdauer. Bereits anfangs Sommer hatte ich um die 160 Km in den
Hügeln der Costa Blanca zurückgelegt und nach der hitzebedingten Sommerpause
mit nochmals etwas über 200 Km meine Fitness aufgefrischt. Ich war also bereit
für ein Abenteuer.
Die nötigen Vorbereitungen, wie Tour zusammenstellen, Kartenmaterial
sammeln, Varianten und Eventualitäten aufzeichnen, Einkaufs- und Packliste
erstellen, das alles hat mir Spass gemacht.
Wegen einer Schlechtwetterphase dachte ich erst, mein Vorhaben auf
nächstes Frühjahr verschieben zu müssen, doch diese Regentage gingen vorüber,
und in absehbarer Zeit zeigte sich das Wetter wieder perfekt. Jetzt musste ich
mich schnell entscheiden, da ich bis zum 12. Oktober aus dem Reservat draussen
sein musste, weil ab diesem Zeitpunkt die Jagdsaison eröffnet wird.
Also startete ich am Dienstag, den 30. September bei wunderbarem
Wanderwetter. Mein Ziel war, am 5. oder 6. Oktober im ca. 130 km entfernten Ort
Bicorp
anzukommen…
1. Tag
Schon gewaltig diese Schneisen, die gegen das Ausdehnen von Bränden in
den Wald geschlagen wurden. Dem Anschein nach sind sie erst dieses Jahr
angelegt worden.
Kurz vor dem Hügelkamm auch die ersten Baumaschinen – und was für
welche! Bulldozer und Löffelbagger (nicht Löffelchenbagger). Aber wozu denn
das? Zum Planieren braucht es diese doch nicht. Doch ich sehe schon, damit
werden grosse 4-eckige, etwa 10x10 Meter und ca. 4 Meter tiefe Gruben
ausgehoben, die - wie ich meine - dann im Bedarfsfall als Löschweiher genutzt
würden. Ca. alle 200 Meter befindet sich so ein Riesenloch.
Als ich mich unten an der Strasse, etwas mehr als 20 Km hinter Ayora, Richtung Enguera (nach
meiner Berechnung sollten es genau 19.1 Km sein) von Ruth verabschiedet habe,
ahnte ich noch nicht, welche Folgen diese „Schneisen“ und „Wasserlöcher“ für
meine weitere Tour haben würden.
Geplant hatte ich meinen Ausgangsort vom Punkt 19.1 hinter Ayora hinauf zum Pico Canoch, mit
seinen 1126 m der höchste Berg im Land Valencia. Weiter sollte meine Tour in
nördlicher Richtung zum Staubecken von Cortes
de Pallás führen und von dort nach Dos Aguas.
Danach in das südlich gelegene Dorf Millares und schliesslich meinem Zielort Bicorp, wo ich mich nach 5 – 6
Tagen wieder mit Ruth treffen wollte. Eben – wollte…
Da ich wusste, dass sich auf dem „Canoch“ eine Fernmelde-Anlage
oder was Ähnliches befindet, war mein Augenmerk immer auf die zwei Türme
fixiert, die oben auf dem Grat schon von weitem ersichtlich waren. Auch wusste
ich, dass kein direkter Weg dort hinauf führt, sondern der Gipfel links oder
rechts umgangen werden musste. Vorgenommen hatte ich mir die linke Variante,
sie schien abwechslungsreicher.
So folgte ich der „Brandschneise“ in die geplante Richtung, die
Fernmeldetürme immer oberhalb zu meiner rechten Seite. Planmässig kam dann,
schon fast den Bergkamm erreicht, der Richtungswechsel. Ab jetzt hatte ich die
Türme vor mir.
Die „Schneise“ stieg sanft in Richtung des ersten Turmes an, ein
wunderbares Laufen, da die Oberfläche auch noch richtig fest gewalzt war. Doch
fragte ich mich – wozu denn gewalzt?
Beim Näherkommen an den Fuss des ersten Turmes war für mich klar, es
diente dem Transport der Materialien die
zum Bau benötigt werden. Auch braucht es natürlich eine Strasse für den
späteren Betrieb und Unterhalt. Im Moment standen da zwei Fahrzeuge sowie zwei
Handwerker, die im Begriffe waren, per Motorwinde ein Kabel am Turm hoch zu
ziehen. Beim näheren Betrachten der Turmspitze, die schätzungsweise immerhin
100 m ab Grund in den Himmel ragte, konnte ich zwei Mann entdecken, die in
luftiger Höhe ihre Arbeit verrichteten. Ab und zu ein „di-li-dit“ aus dem Funkgerät und die Winde tat ihre Arbeit.
Zum Turm sei nachgetragen, dass es sich um einen Gittermast von Grund
bis zur Spitze handelte, abgespannt von mehreren Seilen.
Aber deswegen eine halbe Autobahn auf den Hügel? Doch wer Spaniens neue
Strassen kennt weiss, dass sie überdimensioniert gebaut werden – für alle
Fälle.
Meine ganze Streckenplanung und das „Rekognoszieren“ der Ausweich- und
Abkürzungs-Möglichkeiten geschahen mittels Google-Earth und Google-Maps sowie anderen elektronischen Geo-Datenbanken.
Sicherlich waren die Google-Satelliten-Bilder nicht auf dem neusten Stand; wo
früher Wege zu erkennen waren, befinden sich heute „Autobahnen“ – ziemlich verwirrend,
das Bild, welches sich mir nun bietet.
Nachdem ich den ersten Turm hinter mir hatte und die Schneise sich nicht
änderte, sondern eher „geräumiger“ wurde, kamen die ersten Zweifel an meiner
„Brandschneisen-Löschwasser-Theorie“ auf. Als schliesslich ein weiterer
„Löschweiher“, mit Beton gefüllt und kreisrund mit Armierungseisen drapiert,
auftauchte (sah aus wie eine überdimensionale Geburtstagstorte mit Kerzen), da
war ich mir sicher, mit meiner Idee auf dem „Holzweg“ zu sein. Doch darüber zu
grübeln war nicht unbedingt mein heutiges Ziel. Solange ich den Turm im Blick
habe, ist ja alles ok, beruhigte ich meine aufkommenden Zweifel.
Ich begann einen geeigneten Platz zu suchen, wo ich mein Zelt für die
Nacht aufschlagen konnte. Gedacht – getan, wunderbar ebener Waldboden. (Startpunkt 832 m, Nachtlager 958 m.
Wanderzeit ca. 4 Std., Distanz 11.8 Km)
Still ist es hier nicht gerade, im Moment hört man noch
Arbeitsmaschinen, doch das wird sich nach Feierabend schon beruhigen.
Die Nacht war schlussendlich „der bare Hass“. Natürlich haben die Trax-,
Bagger- und Lastwagenfahrer Feierabend gemacht – aber eben erst um 22 Uhr!
Danach fing plötzlich ein Motor an zu knattern und ca. 200 Meter neben meinem
Schlafplatz ging auf einen Schlag das Flutlicht an. Zum Glück war noch ein
Stück Wald zwischen mir und dem beleuchteten Platz.
Um die schon massiv gestörte Nachtruhe vollends zu „versauen“, war jetzt
noch lautes Hämmern zu vernehmen. Nach meinem Dafürhalten wurden Betonwände
ausgeschalt, d.h. es wurde geklopft, gehämmert und geschabt bis gegen 2 Uhr in
der Früh. Da wurde es plötzlich finster, Autos fuhren weg und …endlich Ruhe.
Denkste - ein Hund begann zu kläffen, vermutlich der zurückgelassene Wachhund.
Ehrlichkeits- und fairnesshalber sei erwähnt: ich hatte doch noch einige
Stunden geschlafen und erst noch gut, bis der Wecker in Form einer
Lastwagenkolonne, mich aus dem Schlaf riss. Das ständige „biip-biip-biip-biip“
beim Rückwärtsfahren liess mich, obwohl noch früh und unausgeschlafen,
zusammenpacken, eine Kleinigkeit essen und aufbrechen (9°, sehr feuchte Luft).
2. Tag
Ich folgte der „Autobahn“ und kam auf eine Kreuzung. Das hiess für mich
– 2. Turm jetzt rechter Hand – das muss der andere Weg von Ayora, neben dem Pico Canoch
vorbei, direkt nach Bicorp
sein. So sieht die Lage vom Satelliten aus nur etwas weniger „modern“, da ist
halt immer noch diese „Autobahn“ und die wie an einer Schnur aufgereihten
„Geburtstagskuchen“.
Ich entscheide mich, gemäss Vermessung meinerseits mit Google-Maps, noch die 1,3 Km dem Kamm zu folgen, bevor ich links
in ein Tal abzweige.
Kaum hatte ich die Kreuzung verlassen, komme ich zu einem Baucontainer
am „Schneisenrand“. Durch das Fenster erspähte ich ein ganz in orange
gekleideter Arbeiter. Er hat mich natürlich ebenfalls kommen sehen, denn das
war ja scheinbar seine Aufgabe – Überwachung des Werkverkehres. Er kam aus
seinem Kabäuschen und hielt mich mit den Worten „muy peligroso“
auf. Als ich ihm zu verstehen gab, dass ich schon aufpasse und keine
Baumaschinenfahrer belästige, liess er mich ziehen, nicht ohne mir noch den
„guten Ratschlag“ zu geben, ich könne beim Schild „Peligroso Abejas“
links in den Wald stechen, das wäre gefahrloser. Von den Bienen sei nichts zu
befürchten, denn seit der Eröffnung der Baustelle gäbe es keine „bewohnten“
Bienenkästen mehr. Ebenfalls - und das schien mir enorm wichtig -erhielt ich
Auskunft über die „Autobahn“ und die „Geburtstagstorten“. Die „Torten“ seien
die Fundamente für Windkrafträder und die „Autobahn“ zum Transport der riesigen
Elemente und der Flügel. Alles klar – 26 solcher Dinger werden da aufgebaut –
gigantisch!
Ich folgte also seinem Ratschlag und da kam auch schon das Schild. Doch
schien mir dieses noch viel zu nah an der Kreuzung. Deshalb entschied ich mich,
noch ein Stück weiter zu gehen und fand ein weiteres Schild mit derselben
Aufschrift. Ich zweigte in den Waldweg ein, sah bald ein paar vergammelte
Bienenkästen und stellte gleichzeitig fest, dass der Weg hier zu Ende war. Was
nun? Vielleicht noch etwas weiter dem Hauptweg folgen? So mach ich’s; doch als
ich mich einmal umdrehte, musste ich feststellen, dass ich inzwischen weit über
die 1.8 Km von der Kreuzung entfernt war. Dann halt wieder zurück, was sollte
ich sonst tun? Wieder beim Containermann angelangt, fragte ich ihn nun präzise
nach dem Weg nach Bicorp,
denn wenn ich diesen gefunden habe, ist alles andere ein Kinderspiel. Der gute
Mann runzelt die Stirn und sagt mir mit Schulter zucken einfach ins Gesicht „no lo se!“ Also keine Ahnung. Weiter geht das
Fragespiel. Wo geht es Richtung Embalse,
dem Staubecken bei Cortes de Pallás? Da schien es für ihn ganz klar, d.h. zurück auf
die Kreuzung, dort rechts auf der asphaltierten Strasse ein paar hundert Meter
weiter, und dann links ins Tal rein. Für mich absolut einleuchtend, logisch – todo claro.
Also folge ich seinem Rat und finde tatsächlich den beschriebenen Weg,
welcher in ein schönes Tal führt.
Von nun an ging es ganz sanft bergab – wunderbare Gegend mit lockerem
Waldbestand und zum Teil steilen Felsformationen an den Talseiten. Schon von
weitem sah ich ein Haus und ein Kontrollblick auf meine Satelliten-Karte
bestätigte mir – jetzt bist du endgültig auf dem richtigen Weg.
Da der Körper bei solchen Anstrengungen und warmen Temperaturen viel
Flüssigkeit verliert, ist das Mittragen von Wasser unerlässlich. Doch wo in
aller Welt soll in dieser einsamen, abgelegenen Gegend „nachgetankt“ werden? So
hoffte ich bei dem erspähten Haus eine Gelegenheit zu finden, um meine
Tagesration von 3 Liter zu ergänzen. Noch bevor ich jedoch zu diesem Gebäude
kam, stand ich plötzlich an einem Teich, der von einer Quelle gespeist wurde.
Ein Schild wies darauf hin, dass hier einmal eine Mühle (Molino Hidraulico Siclo
XIII) stand. Ein zweites Schild deutete auf einen Kalkbrennofen hin.
Vermutlich wurde hier früher Gips hergestellt.
An dieser sauberen Quelle werden meine beiden Flaschen aufgefüllt, denn
wer weiss, wann ich das nächste Mal Gelegenheit dazu habe.
Frohgemut peilte ich nun das besagte Gebäude an. Es war eines der vielen
Sommerferien-Heime in der Gegend, dieses sogar mit grossem Pool. Darin wimmelte
es von Kaulquappen.
Mein Weg führte hinter dem Haus durch, einem Acker entlang und dann auf
die Zufahrt zum Heim zurück. Diesen Umweg musste ich machen, da das Eingangstor
abgeschlossen war. Als ich den Acker durchquerte, entdeckte ich in der einst
feuchten Erde faustgrosse Abdrücke von Tatzen. Eigentlich konnten die von
keinem anderen Tier als vom Luchs stammen, denn was Katzenähnliches gibt es
sonst nicht in dieser Gegend. Auch waren da Abdrücke von Huftieren, die könnten
von Mufflons, eine Art Wildschaf, sein, die es in diesem Gebiet ebenfalls geben
soll.
So nun nochmals die Sat-Karte konsultieren,
denn eigentlich wollte ich von hier aus eine Abkürzung nehmen. An Hand der
Karte müsste am rechten Hang ein Acker oder was Ähnliches zu sehen sein, an
dessen Rand ein Fusspfad zur Kante des Hochplateau der Reserva Muela de Cortes führt. Von da an läge
dann der direkte Weg zum Staubecken von Cortes
de Pallás vor mir.
Während dem Laufen überlegte ich mir bereits, ob ich heute noch runter
nach Cortes de Pallás laufen soll oder erst morgen.
Die Tour hinunter und wieder rauf hatte ich eigentlich als Tagestour geplant,
da es immerhin 485 m Höhendifferenz zu überwinden gilt. Ich war noch ziemlich
früh dran, und so läge die „Diretissima“ runter ins
Dorf schon noch drin. So könnte ich noch was einkaufen und falls ein geeignetes
Hostal auftauchen würde – wer weiss – auf
einer weicheren Unterlage schlafen…..??
Aber nichts von Acker oder dergleichen ist zu sehen, und die Flanke
dieses Hügels ist auch zu steil und zu hoch – ja wo bin ich den nun?
Ich entschloss den einfachsten Weg zu nehmen und folgte dem Strässchen
immer weiter talwärts. Kurven, Kurven und nichts als Kurven, wunderschön zwar,
aber nichts erinnerte mehr an den Plan, den ich in minutiöser Arbeit und zum
Teil bis ins Detail illustriert hatte. Und wieder überkam mich das ungute
Gefühl mit der Frage – woher Wasser nehmen? Die ganze Zeit hatte ich zwar einen
Bachlauf an meiner Seite, jedoch leider ohne Wasser.
Ich lief weiter und stand plötzlich vor einer Abzweigung. Der Weg auf
dem ich kam folgte weiter dem Tal, der Abzweigende war signalisiert mit „Camino Forestal“
und zog sich den rechten Hügel empor. Jetzt schien es wieder einigermassen zu
stimmen, nur wenn ich meinen Kompass konsultierte, herrschten gewisse Zweifel.
Ich hatte keinen mir bekannten Fixpunkt mehr, die Telekommunikationstürme lagen
schon lange hinter mir, auch das Tal hatte nicht den richtigen Winkel zu Nord –
meine Situation war ein einziges Fragezeichen.
Was blieb mir anderes übrig als dem Forstweg zu folgen. Unaufhaltsam
stieg dieser an. Immer wieder dachte ich, nach der nächsten Kuppe hast du dann
Fernsicht – doch wieder nichts – also weiter.
Das Schöne an solchen Wanderungen ist, man kann die Gedanken richtig
gehen lassen. Also liess ich sie gehen, doch immer wieder war ich beim selben
Thema: wo bin ich und noch wichtiger, wo finde ich Wasser?
Ich beschloss einen Rastplatz für die Nacht zu suchen und mich auf den
morgigen Tag vorzubereiten, denn die heutige Strecke in diesem Gelände war
genug. Den ganzen Tag hat mich nur ein MBX’ler
gekreuzt, ansonsten war ich absolut allein.
Ich fand etwas abseits des Weges einen geeigneten, flachen Platz unter
Pinien, wo ich mein Zelt aufschlagen konnte. Dieses war noch feucht von der
letzten Nacht. Obschon ich eigentlich keinen Hunger verspürte, war es nötig
etwas zu essen. Vor allem hatte ich Bedarf an Flüssigkeit - also trinken,
trinken, trinken…
Wie mit Ruth vereinbart, wollte ich ihr noch meinen Standort und die
allgemeine Lage durchgeben. Doch nach der Durchwahl zeigte sich ein rotes
Ausrufzeichen auf dem Display und der Spruch „Kein Empfang“! Da spielt mir die Téléfonica aber
einen bösen Streich. Zuhause hatte ich mich vorsichtshalber noch auf der
Homepage von Téléfonica
nach der Funkabdeckung in diesem Gebiet erkundigt. Eigentlich sollte da mit
Ausnahme von kleineren Funklöchern die ganze Gegend abgedeckt sein. Schade,
ausgerechnet hier ist ein solches Funkloch. Ruth wird sich ziemliche Gedanken
machen, geschweige denn gut schlafen. Also dann halt bis Morgen.
Ich legte mich in den Schatten eines Baumes um zu dösen, aber eine
aufsässige Fliege oder zwei, liessen mir keine Ruhe. So zügelte ich mit der
Isomatte ins Zelt. Puhhhh, hier drinnen herrschten
Saunatemperaturen von 34°, das Zelt ist am dampfen (trocknen). Ich öffnete
beide Seiten und liess die milde Brise durch. Schnell wurde es angenehm; mit
dem Spruch im Hinterkopf „kein Empfang“ schlief ich schliesslich ein. (Startpunkt 968 m, Nachtlager 548 m,
Wanderzeit 5 Std 10 Min, Distanz 16.94 Km)
Nur einmal in der Nacht bin ich erwacht, absolute Stille, das krasse
Gegenteil von der Vorherigen, nur unter dem Zeltboden suchte sich ein Käfer
einen Ausgang...
3. Tag
Schon früh war ich wieder auf den Beinen, denn das Funkloch liess mir
keine Ruhe. Ich packte alles zusammen und marschierte los. (4°, sehr trocken)
Unterwegs kam dann plötzlich ein SMS rein, das mir signalisierte – du
bist wieder in den Händen der Téléfonica. Trotzdem wartete ich noch mit meinem Anruf, es
war noch sehr früher Morgen.
Der Forstweg hatte auch mal ein Ende doch endete er zu meinem Erstaunen
und Schrecken auf einer breiteren Asphaltstrasse. Ich folgte dieser in
östlicher Richtung, was sollte ich anderes machen? Plötzlich entdeckte ich
einen Kilometerstein. Aber darauf stand nur VV3051 und KM 10, kein woher, kein
wohin…
Also nichts wie Ruth anrufen. Diesmal klappte es ohne rotes
Ausrufzeichen. Ich berichtete ihr von der Unsicherheit bezüglich meines Standortes
und gab ihr die Strassenbezeichnung durch. Diese konnte sie leider auf keiner
Karte finden ebenso wenig in Google-Map. So nahm ich
halt die 10 Km unter die Sohlen. Vorher vereinbarten wir noch, dass ich, sobald
ich mich wieder orientieren konnte, zuhause anrufe, damit meine Frau eine
„Rettungsaktion“ starten, d.h. mich aus
diesem Gebiet rausholen konnte. Schade, aber ich musste „die Übung“ abbrechen,
es wurde zu riskant.
Das Laufen auf Asphalt war sehr ermüdend, obwohl praktisch kein Verkehr
war. Auch die Wärme bekam ich jetzt zu spüren, denn hier gab es nicht mehr viel
Wald der Schatten gespendet hätte. Der Durst wurde immer heftiger, doch ich
durfte nicht einfach drauflos trinken, denn wer weiss, was mich noch alles
erwartet bis zur nächsten Ortschaft…
Der lichte Wald wurde von Oliven- und Orangenplantagen abgelöst. Nun war
ich definitiv wieder in der Zivilisation angelangt. Kilometer um Kilometer
liess ich hinter mir, nur begleitet vom „clac-clac“
meiner Gehhilfen, den Teleskopstöcken.
Jetzt erspähe ich tatsächlich ein Städtchen, davor eine riesige
Zementfabrik oder so. Beim Näherkommen sah ich in Olivenhainen deponierte
Betonzylinder mit einem Durchmesser von ca. 4 Meter und einer Länge von
vielleicht 20 Meter. Daneben lagern auch noch halbe Zylinder, die wohl erst
Vorort wieder zu einem Ganzen zusammengefügt werden. Das bestätigte mir jetzt
die Erklärung des „Container- Mannes“ bezüglich der „Autobahnen“ oben auf dem
Kamm. Hier also wurden die Fertigelemente gegossen und auf Tieflader an ihren Bestimmungsort
transportiert, wo die Teile zusammengesetzt und aufeinander montiert werden. So
also entsteht ein Windpark aus vorfabrizierten Teilen.
Noch 3 Km und dann weiss ich wo ich bin – hurra! Doch des Rätsels Lösung
liess auf sich warten. Nicht wie üblich signalisierte ein Ortsschild den
Eingang ins Städtchen – nichts dergleichen. Erst auf der Kreuzung, auf die ich
am Orts-Eingang traf, sah ich endlich den Wegweiser: nach links 14 Km bis Xàtiva, nach
rechts 39 Km nach Ayora.
Total konfus liess ich mich unter einer Markise der nächstgelegenen Bar
nieder, um meine Lage zu überdenken und eine Entscheidung zu treffen. Ich
musste Ruth hier her lotsen, denn ich war nicht da, wo ich eigentlich hin
wollte. Doch wo bin ich denn? Diese Angabe müsste ich Ruth doch machen können.
An der Ecke der Kreuzung befand sich eine Autogarage und da stand blau
auf weiss: „Taller
Bosch Enguera“…
Wie komme ich blos nach Enguera, das liegt ja fast in
entgegengesetzter Richtung von der wo ich hin wollte? Zur Sicherheit fragte ich
noch einen Gast der Bar, der mich ziemlich ungläubig anschaute aber bestätigte,
dass ich tatsächlich in Enguera
sei. Also halt… So gebe ich meinen Standort telefonisch an Ruth durch, auch da
höre ich grosses Erstaunen, denn sie vermutete mich in einer ganz anderen
„Ecke“. (Startpunkt 548 m, Endpunkt 326
m, Wanderzeit ca. 5 Std, Distanz 16.5 Km)
Gut zwei Stunden später stand sie dann vor mir; ich, oder wohl besser
gesagt, wir Beide waren sehr erleichtert.
Fazit:
·
Nimm immer eine
„grossräumige“ Karte mit
·
Starte immer
(wenn möglich) von einer Ortschaft oder einem markanten Punkt aus
·
Feststellen ob
der Fixpunkt (in meinem Fall der Pico Canoch) wirklich auch der richtige ist
·
Denke an die
Wassermenge, lieber 5 lt als nur 3 lt.
·
Nicht überall
ist Mobilempfang
·
Weniger
unnötiger Ballast, kein Aussenzelt (zu schwer, vor allem wenn nass) und für
gute Witterung und diese Jahreszeit unnötig. 15 Kg (plus Morgentau) sind zu
viel
Epilog:
Der Schlüssel zu dieser Odyssee war der verfehlte Ausgangspunkt, denn er
war ca. 10 Km zu weit südlich.
Woher kam das? Ich hatte einmal die Strecke von Ayora zum eigentlichen Startpunkt
gemessen – ergab ca. 19 Km.
Diese 19 Km hatten sich alsdann so fest in meinem Gehirn eingebrannt,
dass es nichts mehr anderes gab. 19 Km ist ja richtig, 9+10=19
!!!
So war es:
In Ayora
angekommen, auf die CV590 (Ayora-Enguera) eingebogen, 19 Km weit gefahren, dann links
in einen kleinen Weg abgezweigt, noch einige Meter aufwärts und da waren wir am
vermeintlichen Ausgangspunkt! (aber eben - am falschen Ort).
In Wirklichkeit hätte es so sein sollen:
In Ayora
auf die CV590 (Ayora-Enguera)
einbiegen, aber nur 9 Km weit, dann nach links abzweigen und die „fehlenden“ 10
Km in die Hügel zum Startpunkt fahren.
So – alles klar! Für mich schon – jetzt. Ist mir ein wenig peinlich,
weil ich doch früher ein einigermassen guter OL-Läufer war.
Also – dieses Abenteuer und die Erfahrung, die ich gemacht habe waren
toll und die nimmt mir niemand weg. Vielleicht findet sich ja jemand, der Lust
hat, beim „Pfadfinderle“ mitzumachen, so könnte man es noch einmal versuchen,
wäre schön!
An dieser Stelle möchte ich noch meiner Frau Ruth für die Geduld, die
Hilfsbereitschaft und das Verständnis danken, ohne dies hätte ich es nicht
gewagt.